Hypernormal Hybrids 10.11. 2017

Ein Bericht über Hybride Systeme

Die Veranstaltung setzt, wie Felix Stalder (World Information Institute) einleitend darstellt, eine Serie fort, die sich damit beschäftigt, wie algorithmische Entscheidungssysteme verschiedene Aspekte unserer Kultur und unseres Alltagslebens immer stärker durchdringen. Begonnen wurde die Serie im Jahr 2015 mit der Konferenz „Algorithmic Regimes“, in der verschiedene Bereiche – vom Gesundheitssystem bis zu Stadtplanung und Kriminalitätsprävention – auf ihren Umgang mit diesen Systemen hin befragt wurden. Im folgenden Projekt „Painted by Numbers“ wurde das Format der Videoinstallation genutzt, in dem Interviews präsentiert werden, die eine Collage der Vielstimmigkeit erzeugen, welche nicht auf eine Perspektive reduzierbar ist. Die Installation begleitet auch die aktuelle Veranstaltung und ist in Foyer und Bar eingerichtet. -–Vielstimmigkeit ist das Spezifikum der Reihe, die nicht eine bestimmte Perspektive präsentieren will, sondern in einem transdisziplinären Setting eine Vielfalt von Perspektiven in Bewegung setzen. So auch in „Hypernormal Hybrids„, dessen Drehscheibe der Begriff der ‚Intelligenz‘ bildet.

Im ersten, von Christian Höller (Springerin, Wien) moderierten Teil, arbeitet S.M. Amadae (Universität Helsinki und Massachusetts Institute of Technology) anhand der Rationalitätsparadigmen von Rational Choice- und Spieltheorie sowie von Informationstheorie, Computability und Quantum Thermodynamics die tiefgreifenden Zusammenhänge zwischen ‚Informationsrevolution‘ und Neoliberalismus heraus. Menschliche Intelligenz wird in diesem Zusammenhang gleichsam dem Konzept der Künstlichen Intelligenz angenähert, auf den physischen Status des Gehirns reduziert und damit Sinnbezug ebenso wie das Moment der Freiheit praktisch eliminiert. Nach einer Intervention von Konrad Becker (World Information Institute), die thematisch um Kontrolle von Bewegung, unsichtbare Algorithmen und Regelsysteme zur Kontrolle von Entscheidungen kreist und einen größeren assoziativen Zusammenhang entwickelt, in dem auch inhaltliche Elemente aus S.M. Amadaes Vortrag anklingen, beschäftigt sich der zweite Teil mit den beiden Formen von Intelligenz, die im Diskurs am deutlichsten neben jene der menschlichen treten: der künstlichen Intelligenz und er Intelligenz der Tiere.

Stefan Woltran (Technische Universität Wien) gibt einen kurzen Überblick über aktuelle Konzepte von künstlicher Intelligenz und stellt etwa anhand von Bilderkennung auch deren praktische Grenzen dar. Ein Blick auf die Erfolge der KI im Bereich von Spielen  (einer Reihe von Siegen künstlicher Intelligenzen über die jeweiligen Weltmeister; von Dame und Schach schon Mitte der 1990er Jahre bis zu Go im Jahr 2016) mündet letztlich in einer Zurückweisung der in diesen Zusammenhängen oft in den Massenmedien angestellten Interpretationen. Die Programme sind sehr spezialisiert – so könnte man etwa den Go-Computer auch nicht im Schach einsetzen – und das eigentliche Ziel wäre ‚Allgemeine Künstliche Intelligenz‘, von deren Realisierung wir aber noch sehr weit entfernt sind. Viel wichtiger, als sich diesbezüglichen Zukunftsphantasien hinzugeben, ist es, sich mit den unmittelbaren Gefahren auseinanderzusetzen, vor allem was die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt betrifft, KI im Zusammenhang mit Waffen sowie dem Problem, dass einseitige und tendenziöse Daten zu einer ebensolchen KI führen.

Susana Monsó (Veterinärmedizinische Universität Wien) fokussiert in ihrem Beitrag vor allem das Problem, dass bei der Untersuchung der Intelligenz von Tieren immer die Form der menschlichen Intelligenz als Kriterium angelegt wird – und die Tiere damit auf einem Maßstab eingeordnet werden, der gleichsam von Null bis zu menschlicher Intelligenz reicht –, während spezifisch tierische Formen wie Instinkte meist als minderwertig eingeschätzt werden. Monsó stellt den Beispielen aus Mainstream-Experimenten zu Sprachverständnis und Hilfsmittelgebrauch spezifisch tierische Formen von Intelligenz gegenüber: Von den Gedächtnisleistungen von Vögeln, die im Winter problemlos die im Sommer davor an hunderten Stellen versteckten Samen wiederfinden, über die kollektive Intelligenz von Bienen und Ameisen bis zur Frage, ob man die konstruierte Überlegenheit des Menschen auch dadurch in Frage stellen könnte, andere Kriterien, etwa die schiere Überlebensfähigkeit, anzulegen. Dann wären die Tardigrada (Bärtierchen) weit überlegen, die nicht nur 30 Jahre ohne Nahrung und Wasser überleben können, sondern unter anderem auch, gefroren oder gekocht zu werden, oder das Hundertfache der für Menschen tödlichen Menge an Radioaktivität. Das Verhältnis zwischen Tier und Mensch wird (auch) in der Forschung durch zwei gegensätzliche Grundhaltungen modelliert: entweder durch die Suche nach der Einzigartigkeit des Menschen und damit den grundsätzlichen Unterschieden zu den Tieren, oder im Gegenteil durch die Suche nach den Gemeinsamkeiten.

Die Veranstaltung verharrt nicht einfach nur in einer Dimension. Die theoretische Auseinandersetzung wird durch eine künstlerische erweitert, und zum primär diskursiven Bezug auf Technologie kommt ein praktischer, der der Kritik an deren neoliberaler Deformation die Praxis einer positiven Form der Mensch-Maschine-Interaktion hinzufügt. Dies beginnt mit der schon erwähnten Vielstimmigkeit der Videoinstallation in Foyer und Bar, setzt sich fort in Konrad Beckers Intervention, in der Sound und schnelle Bildabfolge den Rhythmus des Denkens strukturieren, und den Screenings, die von Ausschnitten aus Adam Curtis‘ Doku „Hypernormalisation“ bis zum mit dem Handy gedrehten afrofuturistischen Kurzfilm „The Day they Came“ aus Nigeria reichen.

Der zweite Teil des Abends wird nun gänzlich von dieser Ebene bestimmt. Am Beginn des Lineups von Electronic Performances steht Boris Kopeinig, ein Künstler, der dem World Information Institute und seinen Vorgängerorganisationen schon seit langer Zeit verbunden ist, und dessen Sound von einem Videostream unendlicher Zahlenreihen begleitet wird. Wer rund um die Veranstaltung im Programm dem Link zu Kopeinigs Website folgt, findet dort nur eine Reihe weniger Zeichengruppen. Keine Erklärung, sie wirken wie Links, aber wenn man sie anklickt, verschwindet eine nach der anderen, um einen leeren Bildschirm zurückzulassen.

Ein Höhepunkt des Abends ist Napalm Tree, ein Künstlerinnenduo, das seine Live-Performances in Kunsträumen und kleinen Wiener Clubs begonnen hat. Eine der beiden ist auf der Bühne präsent, während ihre Kollegin, mit Videobild zum Zuschauerraum gerichtet, über Skype von Dakar aus verbunden ist. In einen subtilen Mix aus digitalen Gadgets, Sprache und Fernkommunikation führen sie das Publikum in einen hybriden Raum seelenvoller Maschinengeräusche. Ca. tter & mstep, die in ihrem Gemeinschaftsprojekt 55orondy „aktiv sind, setzen mit solid abstrakten Grooves und eklektisch bionischen Beats fort. Zuletzt ein Set von einem Pionier der Bass Music in Wien, DJ Plak.

Versucht man, einige zentrale inhaltliche Punkte der Veranstaltung herauszuarbeiten, so ist zuallererst die detaillierte Darstellung des Zusammenhangs von ‚Informationsrevolution‘ und Neoliberalismus im Vortrag von S.M. Amadae zu erwähnen. Amadae hat umfassend zu Rational Choice Theorie gearbeitet und sich in ihrem 2015 erschienenen Buch „Prisoners of Reason“ speziell mit Spieltheorie beschäftigt. Ausgehend von drei Übervätern der Informatik – Claude Shannon, John von Neumann und Alan Turing, „in deren Zukunftsvision wir jetzt leben“, so Amadae – stellt sie Schritt für Schritt das Ineinandergreifen von mehreren Aspekten dar: Quantifizierung, algorithmische Verarbeitung, Reduzierung von Information auf das Prozessieren von Symbolen, und dazu das Medium Geld, das als generalisierter Messwert die Nachfolge von Energie/Wärme aus den physikalischen Modellen übernimmt, denen die neoliberalen folgen.

Amadaes Gesamteinschätzung ist sehr düster: „Dieses Rationalitätsparadigma beginnt, unsere Welt und die Möglichkeiten, die wir darin haben, zu definieren und zu begrenzen. Wir leben in einem Informationszeitalter, aber die Inhalte gehen verloren; wir leben in einer Welt der Computation, aber die Intelligibility geht verloren; und die Quantumrevolution sollte unsere Möglichkeiten eigentlich erweitern, aber das Gegenteil passiert.“ Es stellt sich also die Frage des Widerstands. Amadae, die grundsätzlich auf einem schmalen Grat argumentiert, wenn sie dem Neoliberalismus die Werte der liberalen Demokratie entgegensetzt, präsentiert keine politische Strategie, sondern plädiert für ein Insistieren auf Werten, welche am konkretesten greifbar werden, wenn Amadae den genannten Paradigmen Alternativen gegenüberstellt, etwa der Sicht, dass Kommunikation inhaltsleere Symbole transportiert, einen Kommunikationsbegriff, der sich auf interpretierbare Bedeutung bezieht, oder dem Konzept, das jede Unsicherheit als quanitifizierbar ansieht, die Möglichkeit absoluter Unvorhersagbarkeit entgegensetzt.

Ein Problem sind dabei nicht zuletzt die sich immer mehr verfestigenden Ungleichheiten in der Wissensproduktion. Forschungsprojekte, die im Sinne Amadaes mit viel Anstrengung Gegenexpertise aufbauen, können kaum kontinuierlich arbeiten in einer Universitätslandschaft, die immer ausschließlicher darauf ausgerichtet ist, Studierende lediglich mit marktkonformen Fähigkeiten auszustatten. Ein ähnliches Problem wird in der Diskussion zu Stefan Woltrans Beitrag angesprochen: Wenn privatwirtschaftliche Akteure wie Google nicht nur ForscherInnen die besten Bedingungen bieten können, sondern über riesige Datenbestände verfügen, die für die universitäre Forschung nicht zugänglich sind, ist es für Letztere kaum möglich, längerfristig mitzuhalten.

Der Veranstaltung ist es gelungen, Intelligenzen aus den Gefügen der „Hypernormal Hybrids“ zu beleuchten – in ihren Eigenständigkeiten und Eigenwilligkeiten ebenso wie in ihren Relationen und Abhängigkeiten. Der entschieden transdisziplinäre Ansatz und die Dramaturgie, die Konrad Beckers Performance gleichsam in die Mitte der diskursiven Teile gesetzt und damit auch das assoziative Denken gestärkt hat, haben verhindert, dass Disparitäten gleich wieder rekontextualisiert und zum Verschwinden gebracht werden. Das Thema ist damit exponiert und künftigen Schritten sowohl der Verbreiterung als auch der Vertiefung einzelner Aspekte geöffnet.